Kulturpolitik für die ländlichen Räume

 

 

5. Oktober 2015

Ein besonderes Programm zum Tag der Deutschen Einheit

Am Tag der Deutschen Einheit war ich zu einer ganz besonderen Theateraufführung. Die Schauspielerin Walfriede Schmitt hatte zu einer szenischen Lesung ins Theater am Rand in den Oderbruch eingeladen. "Manifestliches" hat sie das Stück benannt, in dem sie Textpassagen aus Karl Marx' Kapital in den Dialog treten lässt mit klug gewählten Auszügen aus den vermeintlichen Reden des Südsseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea aus Erich Scheurmanns Buch "Der Papalagi". Neben den beiden SchauspielerInnen Walfriede Schmitt und Jens-Uwe Bogadke waren ebenso die beiden Musiker Tobias Morgenstern (Akkordeon) und Konrad Bauer (Posaune) zu erleben.

Gerade angesichts der Feierlichkeiten andernorts, war es eine gute Entscheidung, ans gefühlte Ende der Welt zu fahren: Die Textcollage erinnerte doch sehr eindrücklich an das kritische Denken und die Aufbruchsstimmung von 1989/90 – insbesondere, indem sie die grundsätzlichen Fragen stellte, wie wir leben wollen, wie wir arbeiten wollen, was die Verhältnisse aus uns machen und welche Möglichkeiten wir haben, sie zu ändern. 

Übrigens: Bei dieser Gelegenheit konnte ich nach der Aufführung der Schauspielerin Walfriede Schmitt noch einen symbolischen Scheck überreichen, denn der Verein unserer Fraktion hat diese Produktion mit 500 Euro unterstützt. Und auch ich persönlich habe diese Summe zusätzlich gespendet. Es hat sich gelohnt! Und ich kann allen nur einen kulturellen Ausflug nach Zollbrücke im Oderbruch ans Herzen legen. 

 

5. Oktober 2015

"Hilfestellung bei bürokratischen Hürden"

Die Wochenzeitung "Das Parlament" berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über die Bundestagsdebatte in der vergangenen Woche zum Antrag der Koalition "Zukunftsweisende Kulturpolitik im demografischen Wandel - Stärkung der Kultur im ländlichen Raum". Darin heißt es:

"Die kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sigrid Hupach, begrüßte zwar das prinzipielle Ziel des Antrags. Um so bedauerlicher sei es, dass die Koalition nicht den Mut habe, eine nachhaltige kulturpolitische Strategie zu entwickeln und es weitgehend bei Prüfaufträgen belasse. Zudem sei es ein Trugschluss, dass das Ehrenamt die Lücken in der öffentlichen Kulturförderung schließen könne. Die Hauptlast bei der kulturellen Infrastruktur werde von den Kommunen getragen. Deshalb müssten sie auch entsprechend finanziell ausgestattet werden, sagte Hupach."

HIER der komplette Artikel.

1. Oktober 2015

Kulturpolitik in den ländlichen Räumen braucht ein ressortübergreifendes Handlungskonzept

Rede zum Antrag der Koalitionsfraktionen "Zukunftsweisende Kulturpolitik im demografischen Wandel - Stärkung der Kultur im ländlichen Raum" (Drucksache 18/5091)

Statt bestimmter Einzelprojekte brauchen die Menschen in den ländlichen Räumen ein ressortübergreifendes, zwischen den politischen Ebenen abgestimmtes, verlässliches und ehrlich gemeintes Konzept. Dieses muss die Stärkung der kulturellen Infrastruktur ins Zentrum stellen. Nur dort kann dann die freie Szene andocken – oder das von ihnen zu recht gelobte ehrenamtliche Engagement. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Ehrenamt Lücken der öffentlichen Kulturförderung schließen könnte. 

HIER die komplette Rede (als PDF)

11. Juni 2015

Kultur muss eine Gemeinschaftsaufgabe sein

Rede zum Antrag der Koalition "Zukunftsweisende Kulturpolitik im demografischen Wandel – Stärkung der Kultur im ländlichen Raum" (zu Protokoll gegeben)

Ich freue mich sehr, dass wir – leider zu wenig prominenter Stunde und viel zu kurz – über das so wichtige und drängende Thema der Kultur im ländlichen Raum reden – noch dazu unter den besonderen Herausforderungen des demografischen Wandels. Immerhin, mehr als jeder zweite Mensch in Deutschland lebt in ländlichen Regionen. Es geht hier also um Politik für die Mehrheit der Bevölkerung, für die wir gleichwertige Lebensverhältnisse sichern müssen.

Eine zukunftsweisende Kulturpolitik zur Stärkung des ländlichen Raumes ist dringend notwendig – der Titel des Antrags ist also richtig gewählt und auch Ihre Situationsbeschreibung trifft in vielem zu. Jedoch: schwach ist der Antrag bei den Schlussfolgerungen. Hier zeigt sich auch die konzeptionelle Leerstelle.

Die von Ihnen im „Belobigungsteil“ genannten Projekte und Vorhaben sind – jedes für sich genommen – gut und wichtig. Aber: genau an diesem Aktionismus, an dieser Projekteritis ohne Abstimmung krankt nach Ansicht der LINKEN die Kulturpolitik im ländlichen Raum. Hier braucht es langfristige Planungsmöglichkeiten, Überlegungen zur Nachhaltigkeit und eine Abstimmung der verschiedenen Ebenen.

Wir fordern einen von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam betriebenen und ressortübergreifenden Aufschlag. Gerade für den ländlichen Raum sind alle Politikbereiche gefragt – und warum Sie just bei der nun wirklich ressortübergreifenden kulturellen Bildung explizit auf die Grenzen zwischen den Ressorts verweisen, wird wohl Ihr Geheimnis bleiben.

Kultur ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Kultur ist eine Querschnittsaufgabe. Dieser Ansatz fehlt in Ihrem Antrag völlig. Dies könnte auch im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung in Angriff genommen werden. Kultur dient hier bisher nur als Mittel zur Gewinnung internationaler Arbeitskräfte. Ihr stattdessen eine aktive Rolle bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zuzuordnen, ihr Potential beim Stellen neuer Fragen, beim Eröffnen neuer Perspektiven auszuloten, das wäre doch mal eine schöne Forderung für Ihren Antrag – erst recht in einem Einwanderungsland! 

Damit bin ich auch bei einem weiteren Kritikpunkt: Ihr pathologischer Blick auf die Regionen, in denen die Menschen „weniger, älter, bunter“ werden, und in denen die Kommunen den Erhalt der kulturellen Infrastruktur finanziell nicht mehr schultern können. Sie stellen die Frage, wie wir die Strukturen so anpassen können, um mit dem wenigen Geld auszukommen. Wie können wir für mehr Geld in den Kommunen sorgen? – das wäre doch die eigentlich spannende Fragestellung.

Die kulturelle Vielfalt in Deutschland wird gerade von der Vielfalt in den Regionen gespeist – geschützt ist die kulturelle Substanz insbesondere in Ostdeutschland auch durch Artikel 35 des Einigungsvertrags. Hier braucht es eine umfassende und gesellschaftlich breit getragene Diskussion darüber, was wir uns als Gesellschaft vor Ort leisten müssen – nicht: noch leisten können. Eine rein fiskalische Betrachtung wird uns teuer zu stehen kommen!

Sich hier an eine Kulturentwicklungskonzeption des Bundes zu wagen; ein Berichtwesen zu etablieren; die Kulturförderung des Bundes neu aufzustellen; die gewandelten Rahmenbedingungen, zu denen auch der demografische Wandel gehört, und die realen Praktiken kultureller Arbeit in die Überlegungen einzubeziehen; die Aufhebung des Kooperationsverbots zu thematisieren oder auch nur über das Staatsziel Kultur nachzudenken, das alles wäre eine gute Zielrichtung.

Bürgerschaftliches Engagement, ein Schwerpunkt Ihres Antrags, ist wichtig. Es stiftet auch Identität – aber es darf nie die staatliche Verantwortung ersetzen!

Am Donnerstag vergangener Woche war ich in Senftenberg zu einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Thema „Provinz versus Provinzialität“. Zu erleben war dort nicht nur das Theater NEUE BÜHNE mit seinen generationenspezifischen und generationenübergreifenden Angeboten, sondern auch viele kleine Initiativen (übrigens auch aus der Verwaltung heraus), die in den unterschiedlichsten Bereichen das kulturelle Leben in den abgelegensten Regionen gestalten.

Manchmal ist es ja auch die Not, die erfinderisch macht – das will ich gar nicht verhehlen. Oder der Raum frei von bürokratischen Hürden, der Neues entstehen lässt. Wenn wir mit Neugier schauen, was es an Ideen und Projekten gibt, dann haben wir die im Antrag gewünschten Modellprojekte schon und auch Anregungen genug, wie wir wirklich konzeptionell an die Herausforderungen des demografischen Wandels im ländlichen Raum herangehen könnten. 

Das Theater am Rand im Oderbruch, am gefühlten Ende der Welt, macht erlebbar, was Kultur als Moment einer nachhaltigen Regionalentwicklung leisten kann. Die Uckermärkischen Bühnen in Schwedt bespielen einen 800-Personen-Saal und haben ganz spannende Wege in der interkulturellen Ausrichtung und so auch in der Einbeziehung des polnischen Publikums eingeschlagen. Oder die obersorbische Gemeinde Nebelschütz in der Nähe von Bautzen kauft selbst Land an, um damit wieder Gestaltungsmacht über das Gemeindeleben zu gewinnen.

Was ich mit den wenigen Beispielen aus dem Osten des Landes – denn hier hat der demografische Wandel schon längst zugeschlagen – illustrieren will, ist: es gibt sehr innovative Ansätze, wie Kunst und Kultur den gesellschaftlichen Wandlungsprozess mitgestalten, andere Frage stellen, neue Perspektiven eröffnen – und nicht nur Opfer der demografischen Entwicklung sind.

Ich fürchte, dass wir auch im Kulturausschuss nicht die Gelegenheit haben werden, uns mit diesen modellhaften Ansätzen zu beschäftigen. Sie von der Koalition wollen das Thema mit diesem Antrag für sich reklamieren. Mit den aufgemachten Forderungen werden Sie sich aber nicht wirklich darum kümmern können – weil Sie sich nicht an die Rahmenbedingungen wagen. Das ist sehr schade.

 

5. Juni 2015

Kulturkonferenz im Theater Senftenberg

Gestern war ich bei der Kulturkonferenz "Provinz versus Provinzialität. Weltgeschichte und Geschichten aus der Provinz" an der NEUEN BÜHNE Senftenberg, im Süden Brandenburgs. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte dazu eingeladen und wollte damit neue Perspektiven auf das Gedenkjahr 2015 eröffnen. Ausgangspunkt war die Inszenierung von Heiner Müllers "Germania 3. Gespenster am toten Mann" von Manuel Soubeyrand, dem neuen Intendanten des Senftenberger Theaters, die am Abend auch den Abschluss der Konferenz bildete. Geschichtsbetrachtung als Collage – dies zog sich durch die gesamte Konferenz, bei der Vergangenes und Aktuelles, Theoretisches und Praktisches immer miteinander verbunden wurden. Dass Provinz keineswegs provinziell sein muss, sondern gerade abseits der Metropolen viel Kreatives und Innovatives entstehen kann, machten auch die praktischen Beispiele deutlich, die in Senftenberg vorgestellt wurden. Und für sehr kleingeistige kulturpolitische Entscheidungen in den Großstädten fallen jedem sicher sofort eigene Beispiele ein. Ich verwies in meiner kurzen Rede zum Beispiel auf den Umgang des Rostocker Oberbürgermeisters mit dem Intendanten des Volkstheaters, Sewan Latchinian, oder auf das Betreiben Berlins, sich im Humboldt-Forum mit ihrer Ausstellung als „Rom der Moderne“ zu präsentieren.