Die Veranstaltungsreihe "Popkulturpolitik"

Die Veranstaltungsreihe "Popkulturpolitik", die unsere Fraktion seit Herbst 2014 organisiert, ist eine vierteljährliche Podiumsdiskussion, auf der Künstlerinnen und Künstler mit jeweils wechselnden Abgeordneten ins Gespräch treten. Bei der ersten Veranstaltung saß ich für unsere Fraktion auf dem Podium - danach habe ich den Staffelstab weitergereicht.

24. November 2015

Popkulturpolitik IV: Comedy & politische Kritik

HG Butzke, Britta Steffenhagen, Arnulf Rating, Katja Kipping und Till Reiners (v.l.) - Foto: Uwe Steinert

Während sich erfolgreicher TV-Journalismus ganz staatsbürgerlich als vierte Gewalt feiert und dabei immer mehr zur Hülse gerät, findet sich dessen ursprünglicher Inhalt – die kritische Hinterfragung gesellschaftlicher Prozesse – zunehmend in seiner eigenen Persiflage wieder. So kommt es, dass die heute-show im ZDF nicht selten deutlich politischer wirkt als das heute-journal. Doch kann die oftmals stark vereinfachte Schelte auf „die da oben“ den wahren Problemen überhaupt annähernd gerecht werden? Oder liegt grade in der anarchischen Verweigerung, sich an realpolitischen Prozessen zu beteiligen, die politische Sprengkraft von Kabarett und Comedy?

Hinterfragen und Zusammenhänge verstehen

Was das im Umkehrschluss für die parlamentarische Demokratie bedeutet und über weitere Fragen, hat Katja Kipping am 24. November 2015 im Mehringhoftheater in Kreuzberg gemeinsam mit den Gästen unserer Fraktion diskutiert. Arnulf Rating (Kabarettist), HG. Butzko (Kabarettist) und Till Reiners (Kabarettist und Slam-Poet) konnten auf dem Podium begrüßt werden. Dort war unter anderem der Hinweis interessant, dass seit der Finanzkrise die Intention von Kabarett eine andere sei – von der Politikerschelte hin zur Aufklärung. Und dass das politische Kabarett nötig sei, um manipulierte Strukturen aufzubrechen – ja, dass das Kabarett sogar die kontorollierende „vierte Gewalt“ kontrolliert, wie jüngst im Beitrag der Anstalt über die Verquickung des ZEIT-Journalisten Josef Joffe mit transatlantischen Lobby-Organisationen.

Allgemeine Journalistenschelte wollte aber Katja Kipping nicht stehen lassen. Es gäbe hervorragend recherchierte Zeitungsartikel, die wichtig für die politische Arbeit seien. Dem stimmten auch die Künstler zu. Ohne gut recherchierte Beiträge, sei ihr Programm nicht zu machen, verwiesen aber darauf, dass aufgeklärter und kritischer Journalismus immer seltener zu finden sei. Trotz der Konkurrenz des Internets sei ihr Niedergang aber durchaus auch selbstgemacht. „Ich will nicht lesen, was ich zuvor schon im Internet gelesen habe“, so Till Reiners. „Ich will Zusammenhänge verstehen.“

Ein Grund für die nachlassende Qualität der Medien seien die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen der Journalisten. Diese seien auch der Grund, warum Positionen von einflussreichen Lobbyverbänden immer öfter unhinterfragt medial transportiert werden. Aber auch auf die Form des Kabaretts wurde kritisch reflektiert. Manchmal käme Kabarett nicht über Politikerschelte hinaus. Arnulf Rating verglich das Niveau mit dem Niveau der Witze, die Schüler über Lehrer machten, wenn er sich zur Tafel drehte. Hier war er sich mit HG. Butzko einig: „Politikerschelte ist was für Karnevalisten geworden.“

Abschließend nach den Wünschen gefragt, bat Arnulf Rating Katja Kipping weiterhin, auch wenn es gegen die Mehrheit der Partei sei, für ein Grundeinkommen zu streiten. Das versprach sie ihm, allerdings wies sie auch darauf hin, dass sie sich nicht sicher sei, ob sie in dieser Frage innerparteilich nicht auch in der Mehrheit sei. Auf dem letzten Parteitag, auf dem das Thema diskutiert wurde, ohne eine Abstimmung herbeizuführen, sei der Beifall fifty-fifty gewesen. Auch Katja Kipping hatte einen Wunsch an das Kabarett: Macht weiterhin so aufklärerische Beiträge wie zur Finanzkrise in Griechenland oder zur Flüchtlingspolitik.

Popkulturpolitik IV: Comedy & politische Kritik

Während sich erfolgreicher TV-Journalismus ganz staatsbürgerlich als vierte Gewalt feiert und dabei immer mehr zur Hülse gerät, findet sich dessen ursprünglicher Inhalt – die kritische Hinterfragung gesellschaftlicher Prozesse – zunehmend in seiner eigenen Persiflage wieder. So kommt es, dass die HEUTE-SHOW nicht selten deutlich politischer wirkt als das HEUTE-JOURNAL. Doch kann die oftmals stark vereinfachte Schelte auf „die da oben“ den wahren Problemen überhaupt annähernd gerecht werden? Oder liegt grade in der anarchischen Verweigerung, sich an realpolitischen Prozessen zu beteiligen, die politische Sprengkraft von Kabarett und Comedy?

Was das im Umkehrschluss für die parlamentarische Demokratie bedeutet und über weitere Fragen diskutierten ARNULF RATING (Kabarettist), HG. BUTZKO (Kabarettist), TILL REINERS (Kabarettist und Slam-Poet) und KATJA KIPPING, MdB (Parteivorsitzende DIE LINKE). Moderiert wurde die Podiumsdiskussion im Mehringhof-Theater (Gneisenaustr. 2a, Berlin-Kreuzberg) von BRITTA STEFFENHAGEN. 

HIER die Einladung

 

Popkulturpolitik III: Mitschnitt der Veranstaltung

HIER kann man sich die komplette Veranstaltung anschauen.

11. Juni 2015

Popkulturpolitik III: Theater und Ökonomie

Bernd Stegemann, Inka Löwendorf, Dietmar Bartsch und Moderatorin Britta Steffenhagen

Popkulturpolitik III: Ankündigung

Popkulturpolitik II: Mitschnitt der Veranstaltung

HIER kann man sich die komplette Veranstaltung anschauen.

24. Februar 2015

Popkulturpolitik II: Rap und die Optimierung der Gesellschaft

Mein Fraktionskollege Norbert Müller (2.v.r.) und Moderatorin Britta Steffenhagen

"Wer ist Norbert Müller, MdB?", fragte ein junger Mann am Bahnhof Schlesisches Tor in eine größere Gruppe Jugendliche und blickte in ratlose Gesichter. "Keine Ahnung, ich glaube aber, MdB ist eine Rapcrew, von denen habe ich schon mal was gehört", mutmaßte ein anderer. Dass das Kürzel MdB für Mitglied des Bundestages steht, Norbert Müller also ein Politiker ist, war den Jugendlichen nicht bekannt, als sie sich den Flyer zur Veranstaltung #popkulturpolitik anschauten. Wer K.I.Z. oder Sookee sind, dafür umso besser, doch was könnte diese buntgemischte Gruppe miteinander zu besprechen haben?

Am Mittwochabend fand die zweite Veranstaltung der Reihe #popkulturpolitik zum Thema: "Rap und die Optimierung der Gesellschaft" statt. Im Bi Nuu in Berlin-Kreuzberg am U-Bahnhof Schlesisches Tor, diskutierten die Rap-Künstler Sookee und Maxim von K.I.Z., Musikjournalist Marcus Staiger und Norbert Müller, jugendpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag. Die Radiojournalistin Britta Steffenhagen moderierte die Diskussion in den Bahnhofskatakomben, die bis auf den letzen Platz gefüllt waren.

Deutscher Rap beschreibt Missstände

Zu Beginn trugen die Podiumsgäste Statements vor, wie ihrer Meinung nach die "Optimierung der Gesellschaft" aussehen könnte und was sie unter Optimierung verstehen. Die Beantwortung der Frage, ob Optimierung überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist oder nur für Leistungsdruck und Effizienzdenken sorgt, blieb offen. Die Wünsche für eine bessere Gesellschaft reichten von "der Abschaffung des Privateigentums bis zum Mercedes AMG", wie Maxim es formulierte. Auch wenn bei dieser Aussage viel Ironie mitschwang, beschrieb sie doch treffend die übergeordnete Rolle von Statussymbolen in der Rapszene.

Britta Steffenhagen fragte, welche Verantwortung und welche Möglichkeiten Rapmusik besitzt. "Die Aufklärung und Zuspitzung der Armutsverhältnisse sind Aufgabe linker Politik aber auch verantwortungsvoller Kunst und Kultur“, sagte Norbert Müller. Musikjournalist Markus Staiger war der Meinung, dass die deutsche Rapszene eine gute Zustandsbeschreibung von Missständen und Problemen liefere, die Lösungsansätze aber seien eher "whack", also unbrauchbar.

Humorvoll und prägnant

Rapperin und Feministen Sookee hinterfragte den Umgang mit Drogen und Gewalt in Musiktexten und deren Wirkung auf jugendliche Hörerinnen und Hörer. Guter Rap muss authentisch sein, weshalb Rapper auch unverblümt ihre Lebensrealität in ihrer Musik wiedergeben sollten. Wichtig sei aber die Art und Weise, wie die Inhalte rübergebracht werden, sodass keine Verherrlichung von Schlägereien oder Drogenkonsum stattfinde, argumentierte Sookee.

Die Unterschiede zwischen Kultur und Politik wurden, besonders was die Sprache und Argumentationsweise der einzelnen Gäste anging, deutlich. So zeigte sich Norbert Müller beeindruckt von der Fähigkeit der RapperInnen Wortbeiträge so humorvoll und prägnant zu verpacken, dass sie für das junge Publikum zugänglich und spannend sind. Schlagfertigkeit und "On-Pointness" sind Bereiche, in denen Politik viel von Rap lernen kann.

Immer wieder wurde die Diskussion durch Fragen und Einwürfe aus dem Publikum beeinflusst. Leidenschaftlich diskutierten die Künstler auch die Frage, ob politische Musik nur "moralisches Gedöns" sei und welche Rolle Klang und Genießbarkeit spiele. Als Beispiele dienten die Rockgruppe Ton Steine Scherben oder der Reggea-Musiker Bob Marley. Die humorvolle, lockere Atmosphäre der Podiumsdiskussion setzte sich im Anschluss bei den Debatten der zahlreichen Rap- und Politikinteressierten im Saal fort.

Von Paul Schwenn

Popkulturpolitik II: Ankündigung

11. Dezember 2014

In der aktuellen LOTTA: "Die LINKE lädt ein zu POPKULTURPOLITIK"

Die Fraktion DIE LINKE hat Popkulturpolitik aus der Taufe gehoben. Eine Veranstaltungsreihe, in der Kreative, KünstlerInnen, Experten aus Wissenschaft, Geschichte, Politik und Publizistik vor Publikum mit Abgeordneten der Bundestagsfraktion debattieren wollen. Im Grünen Salon der Berliner Volksbühne, einmal im Quartal, immer donnerstags. Zum Auftakt traf Kunst auf Politik.  

Patin dieses ersten öffentlichen und lockeren Gesprächs war Sigrid Hupach. Sie gehört zu den Neuen in der Linksfraktion, kommt aus Thüringen und hat vor gut einem Jahr den Job der kulturpolitischen Sprecherin übernommen. Zuvor hatte sie unter anderem als freie Architektin gearbeitet und weiß nur zu gut, wie kompliziert das Leben für Kreative im marktwirtschaftlichen Getümmel sein kann. Popkulturpolitik, so sagt Sigrid Hupach, stünde für die jetzige Künstler- und Kreativgeneration. Für die vielen Freischaffenden, egal ob in der Musik, Bildenden Kunst, beim Film, Tanz und Theater. Gerade die jungen Kreativen werden nicht selten als „Zugpferd“ für Städte und Regionen benutzt, mit ihnen wirbt man, sie machen Orte attraktiv.

Aber haben sie auch etwas davon? Können sie von der Kunst leben? Investoren bieten niedrige Ateliermieten, zeitlich begrenzt, und hat die Kunstgarde das Viertel dann „aufgewertet“, beginnt in der Regel die Verdrängung. Und muss Kunst eigentlich gefördert werden? Verpflichtet das zu irgendetwas? Verstehen sich Künstlerinnen und Künstler als „kritisches Korrektiv“, mischen sie sich gesellschaftlich ein? Fragen über Fragen, die das Podium in der ersten Salondebatte klug, witzig, kritisch und mit erstaunlichen Projekten beantwortete.

Etwa Bernadette La Hengst. Sie stammt aus Hamburg, lebt in Berlin, ist Musikerin, kann davon nicht leben, macht deshalb auch Theater und Hörspiele. Sie arbeitet gern mit Laien. Mit Obdachlosen, mit Frauen, mit Leuten im Knast. Gerade inszeniert sie ein musikalisches Bühnenprojekt zum Thema Grundeinkommen. Sie sagt, sie „stolpert täglich über gesellschaftliche Probleme“, und gibt deshalb mit ihrer Kunst „Menschen eine Bühne, die man sonst so nicht sieht oder erlebt“. Dani Gal, Filmemacher aus Tel Aviv, erzählt von seinen Kunstauktionen für verwundete und Waisenkinder im Gazastreifen. Sven Holm, Gründer und Regisseur des Opernensembles Novoflot, zieht mit seiner aktuellen Inszenierung „T-House- Tour“ innerhalb von Berlin von Ort zu Ort. Michael Wertmüller komponiert neue klassische Musik, seine Uraufführungen fanden beim Lucern Festival, beim MaerzMusik-Festival und anderswo statt. Darüber hinaus ist er als Schlagzeuger in verschiedenen Jazzformationen zu erleben. Und Videokünstlerin Julia Lazarus von der Künstlerinitiative Haben und Brauchen streitet für eine angemessene Beteiligung der Künstler am Mehrwert, den die Kultur einer so großen Stadt wie Berlin bringt.

Kein Kunstprojekt, von dem an diesem Abend die Rede ist, gleicht dem anderen. Sie sind spannend, fantasievoll, berührend, einzigartig und aufwendig. Der Lohn für die Macher ist der Applaus des Publikums. Davon jedoch kann kein Künstler, keine Künstlerin leben. Und so war die einhellige Bitte an die Kulturpolitikerin am Ende eines langen Diskussionsabends: Mindestlohn auch für freie Künstler. Der nächste Popkulturpolitik-Salon der Fraktion DIE LINKE findet im ersten Quartal 2015 statt, wieder an einem Donnerstag, wieder im Grünen Salon.

9. Oktober 2014

Popkulturpolitik I: KUNST &/vs. STAAT

Heute fand im Grünen Salon der Volksbühne die erste Veranstaltung unserer Reihe popkulturpolitik statt. Es diskutierten: Dani Gal (Künstler, Closer to Gaza) / Julia Lazarus (Filmemacherin, Haben und Brauchen) /  Bernadette La Hengst (Musikerin, Regisseurin) / Moderator Leis Bagdach / Michael Wertmüller (Komponist) / Sven Holm (Regisseur, Novoflot) und ich (v.r.). Bernadette La Hengst beispielsweise findet die Kulturförderung sehr zwiespältig, weil manche KünstlerInnen eingeschlossen seien, andere nicht. Sie brachte auch die Überlegung eines bedingungslosen Grundeinkommens für KünstlerInnen und Kulturschaffende ins Spiel - was ich nur unterstützen kann. Julia Lazarus äußerte eine Systemkritik, nämlich dass die Politik im Bereich der Kultur nicht weiter auf der Grundlage von wirtschaftlichen Eckdaten agieren könne. Alle Beteiligten waren sich am Ende einig, dass es mehr Förderung und mehr Geld in alle Richtungen geben müsse. Michael Wertmüller plädierte für eine bessere Verteilung: "Es gibt so viele tolle Leute - es muss nicht immer der Barenboim sein."
Für mich war das ein interessanter und anregender Abend. Denn nur, wenn man die Meinungen, Sorgen und Wünsche von Künstlerinnen und Künstlern kennt, kann man sich für die Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse einsetzen. 

Popkulturpolitik I: Ankündigung